1Die Rose blüht; schloß gleich ein rauher Wind,
2Als sie der goldnen Imme sich erschlossen,
3Der Liebe arglos offnen Kelch geschwind,
4Hat doch der Haß nicht Gift hineingegossen!
5Sie schloß gleich einem bangen, zarten Kind
6Die Augen, bis die Zornflut abgeflossen;
7Vielleicht schloß sie in brünstigem Verlangen
8Sich nur so schnell, die Biene einzufangen?
9Die Rose blüht, die Biene ist entflohn,
10Aufs neue muß sie mit den Frühlingsglocken
11Des Zornes Stachel führnden, goldnen Sohn
12In ihres Duftes keuschen Busen locken;
13Ihr süß'ster Tau, kehrt er, wird ihm zum Lohn;
14O kehr, mein Bienlein, sei nicht so erschrocken!
15Zum Garten sieht mein Fenster, dorten wohn' ich.
16Komm, liebe Imme, sammle Wachs und Honig!
17Die Rose blüht; wenn alle Vöglein schlafen,
18Wenn nieder hintern Wald die Sonne flieht,
19Wenn treu der Mond mit seinen Wolkenschafen
20An deiner Rose Stand vorüberzieht,
21Zur Stunde, als Imeldens Töne trafen
22Ein liebes Herz durch ein unschuldig Lied,
23Da will am Fenster nieder zu dem Garten
24Die Rose auf die fromme Biene warten.
25Die Rose blüht; o fliehe, Licht der Sonnen,
26O führe, Mond, die Sternenherde bald
27Zum stillen, vollen, goldnen Mondesbronnen,
28Streu aus den sichren Schatten, dunkler Wald,
29Und bleiche, Mond, was Liebe hat gesponnen!
30Doch mit Musik, die anderswo erschallt,
31Mag Amor all die Schmetterlinge irren,
32Die lauschend gern die Rose dir umschwirren.
33Die Rose blüht, der Zorn ist voll Verderben!
34Wer, Zorn, gerät in deine finstre Haft,
35Der mordet, martert, tötet ohne Sterben
36Und hat der bittren Hölle Eigenschaft!
37O Liebe, wer die Einsicht dürft' erwerben
38Von deiner Gottestiefe Wunderkraft!
39O Liebe, wer, ein Tröpflein, sich verlöre
40In deines Segens weltumspielndem Meere!